F R I E D R I C H   K O L L E R

 

Vom ersten Gast zum Massentourismus

 

Der Einfluß des Fremdenverkehrs auf die Veränderung der Menschen, des Ortsbildes und der Ökologie in einer Gemeinde am Beispiel Millstatts

 

DIPLOMARBEIT

Zur Erlangung des akademischen Grades Magister des Philosophie

 

Studium:

GESCHICHTE UNIVERSITÄT  KLAGENFURT

FAKULTÄT  FÜR  KULTURWISSENSCHAFTEN

Begutachter: Univ. – Prof. Dr.  KARL  STUHLPFARRER

Institut: ZEITGESCHICHTE                                            Januar , 2005                         

 

1. Einleitung. 2

2 Ein neuer Anfang. 3

2.1 Ankunft eines ersten Gastes. 3

2.2 Einige mutige Investoren. 4

2.3 Erschließung peripherer Räume durch den Bahnbau. 6

3.  Veränderung des Ortsbildes und erste Gegensätze. 7

3.1  Die Bahnbrecher des gehobenen Fremdenverkehrs. 7

3.2 Scharfe Gegensätze entzweien die Bürger 9

3.3 Die Trennung in zwei Gemeinden. 10

4. Der Förderungsverein als Pionier des Fremdenverkehrs. 11

4.1 Ausrichtung auf gemeinsame Ziele. 11

4.2 Umfassende Neugestaltung des Ortsangebotes. 13

4.3  Durchbruch zu einer bekannten Sommerfrische. 14

5. Entdeckung Millstatts durch Adel und begüterte Familien. 16

5.1 Ankauf  von Grundstücken in bester Lage. 16

5.2 Bau stilvoller Villen. 17

5.3 Förderung des Fremdenverkehrs durch Villenbesitzer 18

6. Die Entwicklung des Fremdenverkehrs in den anderen Seeuferorten. 19

6.1 Seeboden. 19

6.2 Dellach (Gemeinde Obermillstatt) 20

6.3 Döbriach (Gemeinde Radenthein) 20

6.4  Die Schiffsverbindungen am See. 21

7.  Voraussetzungen  für die erste Hochkonjunktur 22

7.1 Die natürlichen Voraussetzungen. 22

7.2 Die Einrichtungen und Anlagen. 22

7.3 Das Humankapital 23

8. Von der Scheinkonjunktur zum Stillstand. 23

8.1  Ein mühevoller Neubeginn. 23

8.2  1000 – Mark – Sperre und Juliputsch. 26

8.3  Bis zum bitteren Ende. 28

9. Quantität statt Qualität im Massentourismus. 29

9.1 Erste Schritte auf alten Grundlagen. 29

9.2 Das Wirtschaftswunder 29

9.3 Gästeschwemme. 31

10. Ökologischer Zusammenbruch. 32

10.1 Zur Naturkunde und Geographie der Kärntner Seen im allgemeinen. 32

und des Millstätter Sees im besonderen. 32

10.2  Konflikt Natur – Fremdenverkehr durch Siedlungsentwicklung und Bettenvermehrung. 34

10.3  Belastungen durch  Abfall und Abwasser 35

11. Die Sanierung des Millstätter Sees. 37

11.1  Gemeinsam im Wasserverband. 37

11.2  Die Finanzierung. 39

11.3  Bis zur Trinkwasserqualität 39

12. Zusammenfassung und Ausblicke. 40

12.1 Von den Anfängen bis zum Massentourismus. 40

12.2  Reduktion der Quantität 41

12.3  Zum Schluß provokant zwei Alternativen   zur Auswahl: Rückkehr zum Fischerdorf   -  oder Aufbruch zu neuen Ufern. 42

1. Einleitung

 

Nach einer 700 – jährigen Klostergeschichte wurde mit der Bulle des Papstes Klemens  XIV. vom 21. Juli 1773 der seit dem Jahre 1598 in Millstatt ansässige Jesuitenorden aufgehoben, der größte Teil des Archives nach Graz geschafft und die Herrschaft Millstatt als „Staatliche Studienfondsherrschaft“ von einem Kameralpfleger  verwaltet.  (Bild: Millstatt- Aquarell vor 1800)

Millstatt war nun nicht mehr ein mit Leben und Kraft erfülltes Macht- und Strahlungszentrum für eine Region von 65.146 Joch und 7.426 Seelen. Dies bedeutete für die Bauern eine Befreiung von der drückenden Abgabenpflicht, für die Bürger jedoch eine einschneidende Veränderung, da bereits im Jahre 1787 mit dem Bau eines Pfarrhofes eine von Millstatt getrennte Pfarre Obermillstatt eingerichtet wurde.

Damals versuchten die Millstätter Gastwirte, die Einsetzung eines eigenen Geistlichen für Obermillstatt zu verhindern, da sie von den bisher die Kirche Millstatt besuchenden Gläubigen kein Geschäft mehr erwarten konnten. Damit keimten bereits erste Gegensätze zwischen „unten“ und „oben“, die ein späteres Auseinanderleben einleiteten.

Die staatlichen Kameralpfleger hatten meist wenig Verständnis für die ihnen übertragenen kulturellen Werte, weshalb Kloster und Ordensschloß mit den Befestigungsmauern dem Verfall preisgegeben wurden. Im bedeutenden romanischen Kreuzgang befanden sich zeitweise Stallungen, Magazine und eine Tischlerwerkstätte.

Das Zentrum des Marktes verwandelte sich in den Jahren der Kameralherrschaft von einer durch den letzten Orden sorgsam gepflegten Kulturstätte zu einer Ruine.

Erst dem Kärntner Historiker Gottlieb Freiherr von Ankershofen gelang es im Jahre 1857, durch Vorsprachen in Wien und Graz diese Zustände zu beenden. Ihm ist es zu verdanken, daß die noch vorhandenen beweglichen Kulturschätze erhalten blieben und für den Geschichtsverein für Kärnten nach Klagenfurt gebracht werden konnten.

 

In diesen Jahrzehnten vollzog sich auch ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel, denn die Bedeutung von Millstatt als dem zentralen Ort einer weit verzweigten Herrschaft mit allen damit verbundenen wirtschaftlichen Vorteilen eines Marktortes, sank in einer stetigen Abwärtsentwicklung zur Bedeutung eines Fischerdorfes herab, zu der auch die Franzosenzeit mit Ablieferungsverpflichtungen, Kriegskontributionen, Teuerung und  Verarmung der Bevölkerung beitrug.

Nur zu Gunsten der Bauern änderten sich die Verhältnisse, da sie mit der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1848 freie Bürger wurden.

Im Jahre 1855 hatte der Markt Millstatt 69 Häuser und 438 Einwohner. Neben einer Anzahl von gemauerten, meist ehemals zum Kloster gehöriger Gebäude im Norden, Westen und Süden war der Marktplatz von armseligen Keuschen umgeben, wo sich ein kleines Einkehrgasthaus, eine Greislerei, Bäckerei, im nördlichen Anschluß eine Lebzelterei, ein weiteres Gasthaus und am oberen Ende eine kleine Schmiede für den Hufbeschlag befanden.

Im Osten waren ebenfalls Holzkeuschen vorherrschend, im Süden ein kleines Gasthaus, einige ebenerdige, gemauerte Gebäude, ein Schneider und ein Sattler.

Am Seeufer standen die Keusche des Färgen, der die Überfuhr zum Südufer nach Großegg besorgte und noch einige kleine Keuschen, sowie Holzlagerplätze und Landestellen für die Plätten (Flachboote) zum Transport von Holz und Vieh. Westlich davon war eine Lohnmühle und am Mühlbach eine Weißgerberei und Säge. Weiter westlich stand noch der  ehemalige Marhof des Klosters, der jedoch im Jahre 1862 bei einem Brand vollkommen eingeäschert wurde. [1]   (Bilder: Oberer und Unterer Marktplatz)

Das waren also die eher unerfreulichen Voraussetzungen, unter denen eineinhalb Jahrzehnte später der Beginn einer völligen Veränderung des Ortes und der Menschen einsetzen sollte.

 

Die Wahl des Themas dieser Arbeit, beginnend mit der Ankunft des ersten Sommergastes, die tiefgreifenden Veränderungen bei den einheimischen Ortsbewohnern im Gefüge der Siedlungen und die Beeinträchtigung der Natur zu untersuchen, bietet eine reizvolle Aufgabe, um neben der ökonomischen und ökologischen Komponente auch soziale Aspekte anzusprechen.

Im Laufe der Entwicklung von den Anfängen des Fremdenverkehrs bis zum Massentourismus gab es nämlich Umbrüche in allen Lebensbereichen der Menschen, die als epochal bezeichnet werden könnten.

Das Hauptinteresse dieser Arbeit soll vor allem der Entwicklung des Fremdenverkehrs im Gebiet der Marktgemeinde Millstatt mit allen ihren positiven und negativen Auswirkungen gewidmet bleiben, jedoch auch jene der übrigen am Millstättersee gelegenen Orte berühren.

In den zeitlich oft übergreifenden Abschnitten wird zuerst ein Schwerpunkt den Erfolgen der Jahre von 1870 bis 1914 gelten. Ein gewichtiger Teilbereich wird der Hochkonjunktur und Wirtschaftskrise der 30-er Jahre zu widmen sein. Der Entwicklung zum Massentourismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts soll entsprechender Raum gegeben werden und schließlich werden die Probleme der Seewasserverschmutzung und deren Bewältigung einen Abschluß und Ausblick ermöglichen.

Zur Untermauerung, fachlichen Begründung und Beweisführung wurde eine größere Zahl einschlägiger Literatur bearbeitet. Darüber hinaus konnte Einsicht in unveröffentlichte Chroniken örtlicher Institutionen, Werbebroschüren, Fremdenführer, Projektunterlagen, Sitzungsakte und Protokolle – soweit erreichbar – genommen werden. Schließlich sollen einige Bilder zur Illustrierung bestimmter Zeitabschnitte beitragen. Es wird bewußt auf die Nennung von Namen noch lebender Personen und der Bewertung von Ereignissen, Maßnahmen und Zielsetzungen Abstand genommen.

2 Ein neuer Anfang

2.1 Ankunft eines ersten Gastes

Mit der Industrialisierung in den Städten, der Erfindung von Maschinen und neuartigen Verkehrsmitteln, entstand das wirtschaftliche Bedürfnis, Verbindungen von den Zentren zu den peripheren Räumen herzustellen.

Die erste Pferdebahn wurde zwischen Linz und Budweis in den Jahren 1824 – 1832 errichtet und bereits im Jahre 1836 erhielt eine Aktiengesellschaft unter Führung des Bankhauses S.M. Rothschild das Privilegium zur Errichtung der „Kaiser Ferdinand Nordbahn“.

Im Jahre 1841 wurde ein Eisenbahnkonzept zur Errichtung der wichtigsten Linien geschaffen, um vor allem die Weiterführung der nördlichen und südlichen Linien in den Mittelpunkt  zu stellen. Die Südliche Staatsbahn konnte so noch in den vierziger Jahren ausgebaut und im Jahre 1849 bis Laibach vollendet werden.

Nach der Zusammenfassung der inländischen Linien in die „k.k. priv. Südbahngesellschaft“ im Jahre 1862 erfolgte im Jahre 1867 die Fertigstellung der Semmeringbahn,  1863/64 die Eröffnung der Kärntner Linie Marburg – Klagenfurt – Villach und 1871 weiter bis Franzensfeste, womit der Anschluß zur Brennerbahn hergestellt werden konnte.

Eine Initiative des Abgeordnetenhauses im Jahre 1901 sah die Realisierung der Alpenbahnen, darunter der Tauernbahn von Schwarzach bis Spittal/Drau  vor, die im Jahre 1909 in Betrieb genommen wurde. [2]

„Der erste Gast aus Wien, dessen Name leider nicht mehr feststellbar ist, suchte Millstatt 1869 auf und nahm im Gasthaus Trebsche Quartier“. [3]

Wenn man seine mühevolle, aber nicht in schriftlichen Quellen nachweisbare Entdeckungsfahrt nachzuempfinden versucht, muß er durch die ihm bekannt gewordene neue Bahnstrecke angeregt worden sein, bis zur Endstation Villach zu reisen, um von dort aus Oberkärnten zu erkunden.

Sicherlich hat er nach längerem Suchen ein Pferdefuhrwerk oder eine Kutsche aufgetrieben, um  entlang des Drautales weiterzukommen, wo ein dichter, Staub aufwirbelnder Verkehr von bespannten Fahrzeugen vorherrschte, da die Bahnstrecke bis Spittal bereits in Bau war.

In Molzbichl dürfte er in einem Einkehrgasthaus von einem Bauern erfahren haben, daß über dem niederen Bergrücken des Hochgosch der Millstättersee und an dessen Nordufer der Markt Millstatt mit dem ehemaligen Kloster und der alten Kirche liegt.

Kurz entschlossen nahm er wahrscheinlich mit seinem Gepäck beim Bauern auf dessen Gosch (zweirädriger Karren) Platz und fuhr mit ihm bis Großegg an das Südufer des Millstätter Sees. Obwohl es bereits spät am Tage war, brachte ihn ein junger Knecht dann wohl noch mit einer Plätte ( Flachboot) nach Millstatt. Er wird schon auf der Fahrt erfahren haben, daß in der Nähe des Seeufers der kleine Gasthof Trebsche sei, wo man auch Quartier nehmen könne.

Die Suche dauerte darum auch nicht lange und müde von der anstrengenden Reise wird er froh gewesen sein, die beschriebene Unterkunft und ein Nachtlager gefunden zu haben.

Es wird ihn darum auch nicht gestört haben, daß das Zimmer muffig und schmutzig und er in einem knarrenden altersschwachen Bett auf einem Strohsack die Nacht verbringen mußte.

Erst am nächsten Tag lernte er die Hausleute kennen. Er mußte in den folgenden Tagen mit den einfachsten Speisen vorlieb nehmen, die von den Wirtsleuten und den wenigen zukehrenden Handwerkern und Bauern gegessen wurden: Sterz, Milch, Butter, Erdäpfel, Kraut, Talgn, fetter Speck, und schwarzes Brot. Denn es kam auf den Tisch, was im Hause und der Zuhube erzeugt wurde.

Wenn auch die Verpflegung und das Quartier keineswegs den Vorstellungen dieses ersten „Fremden“ entsprochen haben mag,  so war er umso mehr bei seinem Rundgang durch den Ort und die nahe Umgebung von der wunderbaren Landschaft, dem spiegelblanken See, in dem sich der Wald spiegelte, der Ruhe und Beschaulichkeit, der würzigen Luft und dem warmen Klima so angetan, daß er seine geplante Rückreise nach Wien von Tag zu Tag verschob und schließlich auf zwei Wochen ausgedehnt hatte.

Er konnte in dieser Zeit viele Einheimische kennen lernen, Handwerker und Bauern, Dienstboten und Knechte und erlebte auch am „Großen Frauentag“ (Fest Maria Himmelfahrt) die große Prozession durch den mit grünen Zweigen geschmückten Markt und sah die uniformierte privilegierte Millstätter Bürgergarde in ihren grünen Röcken und weißen Hosen, die vor dem Pfarrhof einen Salut schoß.

Als dieser  erste Gast zur Abreise entschlossen war, wird er wohl seinem Wirt Trebsche versprochen haben, im nächsten Jahr mit einigen befreundeten Familien wiederzukommen, und es ist zu vermuten, daß er ihm empfohlen hatte, für eine bessere Ausstattung der Zimmer und eine reichhaltigere Verpflegung  zu  sorgen.

Er wird auch tatsächlich im folgenden Jahr auf Grund seiner begeisterten Erzählungen mit einer ansehnlichen Gesellschaft angekommen sein, die zum Teil auch in den anderen zwei Gasthäusern Quartier nehmen mußten.

Auch diese werden nicht auf „Fremde“ eingerichtet gewesen sein und es gab offensichtlich ständig Beschwerden. Zurückgekehrt nach Wien werden sie mit ihren unerfüllten Vorstellungen sicher nicht hinter den Berg gehalten haben und informierten wahrscheinlich die ihnen bekannten Redaktionen von Reiseführern schonungslos, aber sicher wahrheitsgetreu, über die erlebten armseligen Zustände.

So kam es, daß bereits in der Ausgabe des Jahres 1871 A. v. Rauschenfels in einem Büchlein „Bilder mit Staffage“ schrieb: „Die Lage von Millstatt ist eine reizende und muß es uns wundernehmen, daß diese Vergünstigung und der Vorzug eines milden Klimas nicht ausgiebiger benützt werden, um Fremde anzulocken ..... und fanden wir das Gasthauswesen des Ortes überhaupt in einem Urzustand, als wäre man hier fünfzig Meilen von jeder Eisenbahn entfernt“. [4]

Die in diesen ersten Jahren langsam immer zahlreicher werdenden „Fremden“ waren aber von ihrem urtümlichen Aufenthalt, dem warmen Klima und der unverdorbenen Einfachheit der Menschen zutiefst eingenommen.

Sicherlich war sich die Mehrzahl der damaligen Ortsbewohner noch nicht bewußt, daß eine neue Zeit anbrach und die vielen Jahre des wirtschaftlichen Stillstandes ein Ende zu finden schienen.

 

Nur  bei einigen Wenigen wurden Hoffnungen geweckt, daß sich mit dem Zustrom von „Fremden“ neue Verdienstmöglichkeiten aufzutun begannen.

Zwar wurde mit der liberalen Gewerbeordnung vom Jahre 1859 der Einstieg in das Gastgewerbe erleichtert, und obwohl es bereits eine Kärntner Handels- und Gewerbekammer gab, war es damals für die Gastwirte überaus schwer, sich Informationen einzuholen, denn es gab noch keine Organisationen für den Fremdenverkehr, die Gastwirten bei Investitionsentscheidungen hätten behilflich sein können. Sie waren darum auf sich allein gestellt und konnten sich meist nur an den Wünschen und Beschwerden der „Fremden“ orientieren.

2.2 Einige mutige Investoren

Einige kluge Köpfe erkannten jedoch schon bald, daß mit der Aufnahme von „Fremden“ eine Geldquelle erschlossen werden könnte.

Ein unternehmender Geist war der junge Sohn des verstorbenen Bergbauern am „Purckhstall“ in Laubendorf auf 900 m Seehöhe über Millstatt, Franz Burgstaller, der mit 26 Jahren verwitwet, die sechzehnjährige Tochter Anna des Gastwirtes Rainer aus Obermillstatt heiratete. Der junge Bauer hatte elf Geschwister, die von ihm einmal auszuzahlen waren.

An jedem Sonntag gingen alle Bauersleute mit Knechten und Mägden in einem einstündigen Fußmarsch „zum Kloster“ in die Kirche und damit „unter die Leit“ (Leute), um Neuigkeiten zu erfahren.

Das Leben auf dem Bergbauernhof war karg und die Arbeit schwer. So kam es, daß sich Franz und Anna nach einem leichteren Leben sehnten. [5]

Noch hatten die Einheimischen nicht bemerkt, wie warm der See im Sommer wurde und wie herrlich er in der Berglandschaft eingebettet liegt. Doch als unternehmender Mann ahnte Franz, daß diese Vorteile für den Aufbau einer neuen Existenz genützt werden könnten.

Als der Fürst Ferdinand von Porcia eines Tages Franz Burgstaller wegen des Kaufes eines Pferdes zu sich in das Schloß nach Spittal einlud, kam auch der Bahnbau zur Sprache und die Aussicht, damit „Fremde“ in die Gegend zu bekommen.

Nun verdichtete sich in ihm die fixe Idee, im Markt Millstatt ein Gasthaus zu bauen. Er übergab seine Hube, kaufte im Jahre 1870 am Marktplatz eine alte Keusche, trug sie ab und begann mit dem Bau eines einstöckigen Gasthauses mit zehn Zimmern und einem Saal. 

Als das Gasthaus noch Baustelle war, wurde bereits in der Maurerbaracke von seiner tüchtigen jungen Frau, der Wirtstochter Anna aus Obermillstatt, ausgekocht. [6]

Tatsächlich kamen nach der Fertigstellung des Gasthauses bald „Fremde“ und die vornehmen Gäste aus Klagenfurt, Graz und Wien waren mit ihrem Quartier zufrieden, da die Küche vorzüglich und der Aufenthalt billig war. Darunter waren Professoren und sogar der Kriegsminister Krobatin. Sie alle machten in ihrem Bekanntenkreis eine positive Werbung für Millstatt.

In der Pfarrchronik von Millstatt wurde im Jahre 1872 vermerkt:   „In diesem Sommer war Millstatt zahlreich von fremden Gästen besonders aus Wien, theils auf mehrere Wochen, theils einzelne Tage,  besucht“. [7]

Doch bereits einige Jahre nach der Eröffnung der Bahnlinie Villach – Franzensfeste war in Amthors „Alpenfreund“, einem Reisehandbuch, im Jahre 1875 zu lesen: „Als Badeort ist Millstatt freilich noch sehr primitiv. Es läßt die Fremdenunterbringung und der Komfort noch vieles zu wünschen übrig ....... eine große Calamität ist die herrschende  Wohnungsnot, die in Millstatt Platz gegriffen hat. Um das höchste Geld scheint man jetzt kaum im Stande, ein honettes Zimmer aufzutreiben. ......“. [8]

Und auch die Pfarrchronik stellte im Jahre 1875 fest, daß Millstatt von zahlreichen Fremden aus Wien, Graz und Triest besucht wurde, „wodurch dieser Ort aus seiner vorigen Verlassenheit immer mehr bekannt wird“. [9]

Ebenso berichteten die „Blätter aus Kärnten“ im Sommer 1875 mit Anerkennung: „ Einen sehr erheblichen Aufschwung nimmt Millstatt, wo sich verflossene Woche 70 ständige Kurgäste befanden, darunter viele Auswärtige aus Deutschland, Rußland etc. Der in Millstatt neuerstandene Gasthof Burgstaller wird allgemein und in jeder Beziehung sehr gelobt“. [10]

Kritisch wurde in der gleichen Zeitung aber auch festgestellt, daß in Oberkärnten „ganz sporadisch, hie und da für Wohnung, Speisen und Getränke so lächerlich niedrige Preise angesetzt werden, daß der Fremde fast zum Glauben verleitet wird, es handle sich nur um ein Trinkgeld für die Dienerschaft und alles Genossene sei rein geschenkt“.[11]

Im Jahre 1877 stellte der Chronikschreiber mit Genugtuung fest, daß in Millstatt im Monat August 170 – 180 Fremde aus Graz, Wien und Triest und zwei Jahre später im Jahre 1879 bereits über 200 Gäste anwesend waren. [12]

Da Franz Burgstaller die ersten Erfolge sah, sann er auf eine Erweiterung seines nur mit zehn Betten spärlich ausgestatteten Gasthauses. Ihm schwebte der Bau eines Hotels vor, doch dazu reichten seine Ersparnisse nicht.

Noch befand sich auf der gegenüberliegenden Platzseite die Platzschusterkeusche, in der eine Klempnerwerkstatt, eine Näherin und der Gemeindediener untergebracht waren.

Wieviel Zorn und Enttäuschung, die auch in Neid umgeschlagen haben mag, hatten diese Bewohner wohl, als der nicht ortsansässige, zu Geld gekommene Franz Burgstaller diese Keusche und die dazu gehörigen Hütten kaufte.

Er riß diese im Jahre 1884 ab und errichtete die nach seiner Gattin benannte „Villa Anna“ mit Fremdenzimmern und später  noch einen Pferdestall mit Kutschenplatz. Damit war von ihm ein weiterer Schritt  zu einem ansehnlichen Bettenangebot getan worden. [13]

Wie recht  er kalkuliert hatte, ist wiederum aus der Pfarrchronik ersichtlich, in der festgehalten wurde, daß die Fremdenzahl im Jahre 1885 auf beinahe 900 anstieg. [14]

 

Auch andere, die anfänglich noch an der Rentabilität des Fremdenverkehrs gezweifelt haben mochten, begannen nun mit Investitionen:

So der Besitzer des noch aus der Klosterzeit stammenden alten Gasthauses, der schon einmal genannte Anton Trebsche, Handelsmann und Weinschenk, der das Herankommen einer neuen Zeit spürte. Obwohl er in seinem Hause nur über  vier Fremdenzimmer verfügte, erkannte er, daß der nur 100 m unterhalb seines Gasthauses liegende See zu einer Einnahmequelle genutzt werden könnte. Mit diesem Ziel baute er am Seeufer ein Seebad aus Holz und warb bereits im Jahre 1870 mit einem Prospekt folgenden Inhaltes für dessen Besuch:

„ Seebäder am Millstätter See. Einem verehrtem Publikum zeigt der ergebenst Gefertigte an, daß am 1. Juli d.J. die Eröffnung des von ihm im Markte Millstatt in Oberkärnten am Millstättersee neu errichteten Bades für Herren und Damen stattfinden wird. Da die Seebäder, wie bekannt, für Brust- und Lungenkranke, Bleichsüchtige und Nervenleidende sehr zu empfehlen sind und dieses Bad mit allem Komfort ausgestattet, für kleine und größere Schiffe zu Lustfahrten am Millstättersee, Wohnungen, gute steirische Tisch- und Extraweine, schmackvolle warme und kalte Küche nebst Kaffee, dann dazu gute Bedienung auf das Beste gesorgt ist, und da die Preise der Bäder, Wohnungen und Getränke, Kost und Bedienung so gestellt sind, wie man sie in keinem Bade Oberkärntens findet, und da ferner die reizende Lage Millstatts, das überaus milde Klima, hier einen paradiesischen Aufenthalt gewährt, so macht der ergebenst Gefertigte Rechnung, daß sein neuerrichtetes Seebad von vielen Badegästen schon im Laufe dieser Saison besucht werden wird, und es ladet zu einem zahlreichen Besuche mit der Versicherung einer gewiß aufmerksamen Bedienung ergebenst ein.                  Anton Trebsche“ [15]

Diese erste kleine öffentliche Badeanstalt verfügte über acht Kabinen, ein Gehbad, eine Kammer für Warmbäder und eine Veranda mit Aussicht auf den See. Auch konnte man dort Ruderboote mieten.

Offensichtlich blieb aber das erwartete große Geschäft aus, denn das Seebad wurde von ihm bald wieder verkauft, zumal A.v. Rauschenfels in einem Reiseführer bereits im Jahre 1871 schrieb, daß dieses Bad „ nichts weniger als besingenswert sei“. [16]

Anton Trebsche mochte jedoch mit der Idee, dieses Bad zu bauen, den Anstoß zur Nutzung des warmen Sees gegeben haben.

Damit wurde wohl intuitiv begonnen, den See für Badekuren anzupreisen, denn die Seebäder galten als eine Quelle der Kräftigung gegen die gesundheitlichen Schäden der Großstadt. [17]

Nun baute auch Peter Marchetti, der im Jahre 1869 die Seehanskeusche von seinem Vater übernommen hatte, im Jahre 1875 eine Badeanstalt, bestehend aus einer Herrenhütte mit neun Kammern und einer Frauenabteilung mit sieben Kabinen, von denen aus man über eine Stiege in den See gelangen konnte.

Diese Badeanstalt erfreute sich bei den Gästen zunehmender Beliebtheit, weshalb sie später noch vergrößert wurde.

Damals stiegen die Damen züchtig mit hoch geschlossenen Schwimmanzügen in den See und ältere Damen badeten überhaupt in einer geschlossenen Kabine, die in das Wasser hinausragte. [18]  (Bilder:  Marchetti Bad, Gröchenig Bad)

2.3 Erschließung peripherer Räume durch den Bahnbau

Die industriell - kommerzielle Lebensweise in den großen Städten der Monarchie brachte für begüterte Familien das Bedürfnis nach Erholung, und mit dem neuen Verkehrsmittel Eisenbahn wurden weit entfernte Gegenden bequem erreichbar. So konnte, das eine mit dem anderen verbunden, eine sich ständig steigernde Reisetätigkeit entstehen, die in den für den Fremdenverkehr prädestinierten Gebieten einen völligen Umbruch der Lebensformen herbeiführte.

Daß mit der Eisenbahn auch der Fremdenverkehr aufblühen könnte, wurde allerdings noch als unwahrscheinlich angesehen, denn die mit der Bahn schon lange leichter erreichbare Schweiz bot außer den Naturschönheiten einen ausgezeichneten Komfort, den man hier in den Gebirgsgegenden noch vermißte. Trotzdem gab es die Hoffnung, daß sich die Zahl der Reisenden in einem berechenbaren Maße vergrößern könnte, wenn den Sommerfrischebedürftigen das geboten wird, was ihre Wünsche sind. [19]

In den Reiseführern der Südbahn wurden die Sehenswürdigkeiten und Ausflugsziele im Bereiche der Kärntnerbahn detailliert beschrieben, was gleichzusetzen war mit einer Werbung für die Regionen und Orte, die sich im Umkreis der Bahnlinie befanden. Darin wurde der Millstättersee als reich an Lachsforellen, der tiefste aller Kärntner Seen und einer der schönsten geschildert. Aber auch die günstigen klimatischen Verhältnisse, das Baudenkmal des Benediktinerklosters und der Kirche machten einen Besuch dieses nicht unbedeutenden Marktes wert. [20]

Die zweite für Millstatt wichtige Bahnverbindung konnte durch den Bau der Tauernbahn im Jahre 1909 mit einem Jahr Verspätung geschaffen werden.